Wenn alle Hoffnung verloren scheint… 
Die Gesundheitschecks gehen weiter und unsere Angst wächst, dass wir uns von noch mehr Bären verabschieden müssen, die Montagnacht zu uns gekommen sind. Unsere Gefühle kann man schwer in Worte fassen. Doch vielleicht muss ich das auch nicht. Ich bin sicher, Sie versteht es.
Doch etwas lässt uns trotzdem, zumindest kurz, lächeln – unsere liebenswerten Bewohner, wie sie eifrig in ihren Gehegen spielen. Sie erinnern uns jeden Tag daran, nicht aufzugeben.
Als Mafi zuerst zu uns kam, war sie ein einziges furchtsames Bündel. Stereotypisch schaukelte sie in ihrem Käfig vor und zurück. Den Tierärzten blieb nur noch übrig, ihr Früchte mit einem Beruhigungsmittel darin zu geben, damit sich ihr armer gequälter Geist etwas erholen konnte.
Heute ist diese prächtige Bärin einer der Clowns hier in der Rettungsstation. Sie lässt keine Gelegenheit für einen Schabernack aus. Besonders, wenn sie dabei Publikum hat! Ihr beliebtester Zeitvertreib ist „ihre“ Schaukel, wo sie das Gefühl der Freiheit einsaugen kann, das ihr so lange vorenthalten wurde.
Mafi bedeutet „Vergebung“ in Hindi. Sie hat nicht zugelassen, dass die dunklen Wolken der Vergangenheit ihr jetzt den Sonnenschein rauben.



  Teile diesen Artikel mit deinen Freunden
Nothilfe Bärenrettung


Frühlingsblumen und schwere Herzen 
Heute haben wir drei weitere Bären begraben – Qiang Sheng (Starkes Leben), Le Le (Happy) und Chengdu Truth (Wahrheit).

Alle starben an Leberkrebs. Und alle trafen Menschen, die sie liebten – wenn auch nur für ein paar Tage - und deren Trauer man nicht in Worte fassen kann. In den ganzen acht Jahren hier haben wir noch nie von drei Bären zugleich Abschied genommen. In dieser Woche war es bereits das zweite Mal. In Reih und Glied, wie Soldaten nach der verlorenen Schlacht, steht es jetzt 7 zu 0 für die Farmer. Wir sind ziemlich sicher, dass die Zahl der toten bären noch steigen wird, je weiter wir mit den Gesundheitschecks kommen.

In China ist heute der Tag, an dem die Gräber geputzt werden – wo die Verstorbenen geehrt werden. Kurz vor Beginn der Zeremonie erschienen unsere chinesischen Mitarbeiter hier im Garten des Friedens mit herrlichen gelben Rapssträußen, die sie auf jedes Grab eines Bären, eines Hundes oder Katze legten, die wir über die Jahre geliebt und verloren haben.



Einige Mitarbeiter hatten Girlanden um den Kopf gebunden und erinnerten uns an freundliche kleine Elfen, die sorgfältig darauf achteten, dass jedes Grab liebevoll mit Frühlingsblumen geschmückt wurde. Außergewöhnlich – mir fehlen die Worte um den Stolz auf diese Menschen zu beschreiben, die schon seit einer Woche harte, lange und erschöpfende Stunden gearbeitet haben, und jetzt Bären beweinen und betrauern, die sie kaum gekannt haben.

Auf dem Rückweg kamen wir nochmals an Jaspers Zuhause vorbei. Er saß da vorne an seiner grasbedeckten Einfriedung und beobachtete uns so, als verstünde er unsere Verzweiflung. Sein Anblick und der seiner pummeligen Freunde, wie sie nach Herzenslust spielen oder schlafen, steht in völligem Kontrast zu den Bären, die wir gerade begraben haben. Aber das gibt uns Hoffnung und Kraft… und einen Grund, weshalb wir hier sind.

  Teile diesen Artikel mit deinen Freunden
Nothilfe Bärenrettung


Dringend benötigte Jasper-Therapie  
Der Donnerstag begann mit einer weiteren Autopsie eines Bären, von dem wir so gehofft haben, dass er überleben würde. Frau Xiong von der Sichuan Forstverwaltung gab ihm den Namen Quiang Sheng - Starkes Leben (auf dem Bild ist Frau Xiong bei seinem ersten Gesundheitscheck zu sehen). Doch dieser glückverheißende Name reichte nicht für sein Überleben.



Zuerst zogen wir aus einem Abszess, groß wie ein Fußball, mehr als zwei Liter Eiter ab. Dann zeigte das Ultraschallgerät, dass auch er ein Opfer des Leberkrebses geworden war.

Nach drei Tagen ununterbrochener Gesundheitschecks, Autopsien und Begräbnissen war nun eine Pause notwendig geworden. Es wurde Zeit für eine lang erwartete Verabredung mit dem Bären, von dem ich wusste, dass er mich trösten würde. Jasper ließ mich nicht im Stich. Ich stand mit Tamara und Juanita aus unserem Büro in Hongkong auf der Aussichtsplattform, von der aus man seine Wohnhöhle sehen kann. Jasper schaute herauf um sicher zu sein, dass man ihn bewunderte und lief wie zufällig, aber doch sehr zielstrebig, hinüber zu Beau (rechts im Bild), die friedlich am Pool schlief und, ohne zu zögern, …biss er in ihr Hinterteil!

Bisher hatte Jasper immer nur gespielt. Er war der Friedensstifter hier in der Rettungsstation. Aber diesmal ging er etwas zu weit. Roh aus ihren Träumen geweckt, wirbelte Beau herum und knurrte dieses Tier an, das ihr den friedlichen Schlaf geraubt hatte. Doch Jasper schaute zu uns mit einem wundervollen Ausdruck von Überraschung in seinem Gesicht an, gerade so, als wollte er sagen: „Was habe ich denn getan?!“. Wenn ich es nicht besser wüsste, hätte ich schwören können, dass er lachte … so wie wir.



Obwohl sich ein paar Stunden später niemand danach fühlte, hatten wir doch so etwas wie eine Party. Am Ende des Abends trafen sich über 100 Mitarbeiter und wir versuchten etwas zu lachen und die Bären zu feiern, die gerade jetzt in ihren großen und gemütlichen Erholungskäfigen auf Stroh schliefen. Als Howard, der unser Bärenteam leitet und der schon vom ersten Tag, seit Oktober 2000 hier bei uns ist sagte: „Ich fühle mich an die Bären gebunden. Es ist mir eine Ehre, ihnen zu helfen. Ich kann sie nie verlassen“, sprach er für uns alle. Mich erfüllte das mit unbändigem Stolz.

Ein paar Stunden später und wir sind wieder bereit, mit den Gesundheitschecks fortzufahren. Ganz im Sinn der Inschrift auf dem Grabstein für unseren ersten Bären, den majestätischen Andrew, der vor zwei Jahren an Leberkrebs starb: „Wir sind nicht schwächer ohne Dich, sondern stärker wegen Dir“… und das sind wir.

  Teile diesen Artikel mit deinen Freunden
Nothilfe Bärenrettung


Die Wahrheit über Bärenfarmen 
Stunden später war der Gesundheitscheck von Lotus, den wir auf Chinesisch auch „Chengdu Wahrheit“ nennen. Es gibt keine Worte, die auch nur annähernd unseren kochenden Zorn beim Anblick dieses Skeletts in seinem Käfig beschreiben können. Dieser Bär war sogar zu schwach, um den Kopf heben zu können.

Viele, die das hier lesen, werden sich an einen anderen Bären erinnern, den ich vor Jahren auf einer Farm in Yunnan auch „Truth“ (Wahrheit) genannt habe. Diesen konnten wir damals nicht retten aber ich schwor, dass ihr Tod nicht vergebens sein würde. Hier in Chengdu hatten wir nun unsere eigene Wahrheit. In noch schlimmerem Zustand wie sein Namensvetter.



Die Schulter war voller Abszesse und zeigte die ganze Brutalität der gefühllosen Injektionsversuche der Schlächter auf die Farmen. Dieser arme Bär war offensichtlich so krank gewesen, dass die so genannten „Ärzte“ entschieden, ungeeignete Antibiotika in seine Muskeln zu spritzen. Natürlich mit unsterilen Nadeln. Das hat schließlich zu diesen schmerzhaften, offenen Wunden voller Eiter geführt.

Er wurde betäubt und das Ultraschallbild ließ aufs Neue unsere Herzen sinken. Minuten später auf dem OP-Tisch sahen wir eine Leber, von der aus der Krebs sich bereits in seinem armen, ausgemergelten Körper ausgebreitet hatte.



Nach ihrem Tod lag die Wahrheit hier; Winzig und verletzlich. Mit nackten Vorderpfoten, Tatzen die seltsam menschlich wirkten und eingefallenen Augen ohne Hoffnung.

Stunden zuvor folgten diese Augen argwöhnisch allen unseren Bewegungen als wir ihm Wasser anboten, das er ab und zu trank, Früchte, die er ignorierte und tröstliche Worte, die auf taube Ohren stießen.

Voll Scham mussten wir uns von diesem Tier abwenden. Wir wussten, dass unsere Entschuldigungen und unser Mitleid einem Bären nichts bedeuteten, der bei seiner Geburt so voll Hoffnung war und dann so völlig von einer Spezies im Stich gelassen wurde, die ihm zeigte, dass er ihr gleichgültig war. Dass er mit diesen Gedanken im Herzen sterben musste, ist fast nicht zu ertragen.


  Teile diesen Artikel mit deinen Freunden
Nothilfe Bärenrettung


„Kiki“ – ein verschwendetes Leben 
Das ist mehr als wir tragen können … noch zwei Bären sind dem Leberkrebs erlegen. Unser Team kann zusehen, wie es diesem jämmerlichen Unglück wieder in den Griff bekommt und es bleibt ihnen am Ende nur noch, das Leben dieser Tiere zu beenden, die so viel Besseres verdient hätten. Viele Wände wurden frustriert mit Fußtritten bedacht, seit die Bären Montagnacht hier ankamen. Jetzt ist erst Mittwoch und schon vier Bären liegen unter Grashügeln am Fluss. Dort haben sie endlich Frieden gefunden.

Als wir Kiki aus einem Käfig schnitten, der ihm das Leben abschnürte, war es nicht schwer zu verstehen, warum er so flach und ohne Reaktionen war. Mir bleibt in Erinnerung an diesem Bären, wie er verzweifelt seine Zunge herausstreckte um seinen Fruchtshake aufzulecken um gleich darauf voll Schmerzen seine Schnauze mit den Pfoten zu umfassen. Von außen konnten wir nur rote und entzündete Lippen sehen und waren daher nicht auf das kommende vorbereitet.



Lange schon stöhnte Kiki praktisch ohne Pausen und gab Anzeichen von Bauchschmerzen. Sein Stöhnen schreckte uns, da wir aus Erfahrung gelernt haben, dass der Tod für diesen Bären vor der Tür steht. Daher betäubten wir ihn sofort für einen Gesundheitscheck.

Er roch stark nekrotisch – nach krankem, abgestorbenem Fleisch. Alle vier Eckzähe waren abgeschnitten oder abgebrochen und einige Zähne ausgerissen. Gemeinsam mit Stücken des Gaumens. Alle übrigen Zähne waren hoffnungslos zerstört.

Sogar sein rechtes Auge war faulig – Ergebnis eines Monate alten Krebsgeschwürs und auch sein linkes Auge war krank. Seine Klauen waren abgebrochen. Sie bluteten und waren entzündet. Die Tatzen hatten die bekannten Borsten wie sie bei Bären auftreten, die jahrelang nie den Boden berühren. An seinem Hinterfuß war ein eitriges, entzündetes Loch mit 15 cm Durchmesser. Dort war das Fleisch fast bis auf den Knochen verfault.
Sein schrecklicher Körpergeruch und Flüssigkeit in seiner Bauchhöhle ergaben den Verdacht auf Bauchfellentzündung, worauf er sofort operiert wurde. Bei der Öffnung von Kikis Bauch
zeigte sich, dass dieser und die Eingeweide voller Gase waren, die sein Herz und seine Lunge zusammenpressten und unendliche Schmerzen verursachten.

Wir beteten und unser Team arbeitete an diesem schlafenden Bären. Die Hoffnung hört nie auf – bis es still wurde im Raum … Kiki war tot. Bei der Autopsie ergab sich eine ganze Liste an Leiden. Fast nicht zu begreifen … einschließlich Leberkrebs, großen, schmerzhaften Gallensteinen, Eiter in der Gallenflüssigkeit, eine kranke Milz, Entzündung und Arthritis am Rückgrad. Bei diesem Bären gab es keine Hoffnung mehr. Ruhe sanft Kiki. Ein Team ist so voll Scham und Trauer über dein armes, verschwendetes Leben.

  Teile diesen Artikel mit deinen Freunden
Nothilfe Bärenrettung



Zurück Weiter